Freitag, 19. August 2011

"Willst du Penis waschen?"

Was für ein schräger Tagesbeginn, denkt Sassi, während sie die Tische wischt und ihren Chef aus den Augenwinkeln mustert. Als wäre sie zuständig. Sollte das zu ihrem Tagesthema werden? In der Früh klingelte es lang anhaltend bei ihr. Sie zur Tür, steht draußen Olnur Kücjük, der Familienvater von gegenüber, und lächelt ein wenig verlegen aus seinem glatten Vollmondgesicht: "Willst du Penis waschen?" Sie muss ziemlich große Augen gemacht haben, denn der Mann nötigt sie mit einer Geste auf den Bordstein, die Malerei auf der Straße zu begutachten. Eine naive Zeichnung. Erstellt mit einfachstem Material, Straßenmalkreide, nur mit zwei Farben koloriert, weiß und rosa, 15 Meter lang und 3 Meter breit. Mit allem, was dazu gehört, inklusive angedeuteter Ejakulation. Ein grafisch nicht zu anspruchsvolles Motiv insgesamt. Mit den schlichten Mitteln jedoch effektvoll umgesetzt. Diese künstlerische Meinung wurde von der muslimischen Nachbarschaft offenbar nicht geteilt, daher die Anfrage: Penis waschen. Das ist nicht mein Werk, wo denkst du hin, sagt sie, er lächelt noch einmal kurz verlegen und entgegnet flüsternd, dabei macht er jetzt ein wütendes Gesicht und heftige Gesten: Meine Frau schickt mich und meine Schwiegermutter. Aha, die Gesten sind für die Augenpaare hinter der Gardine. Die Künstler werden die pubertierenden, gickelnden Jungs aus der Etage unter ihr gewesen sein. Doch die sind in der Schule. Nicht so Frau und Schwiegermutter und Olnur, der hat heute Spätschicht. Mehrere Eimer Wasser später scheint der Frieden wieder hergestellt. Wenn es doch immer so einfach wäre übertriebene maskuline Selbstdarstellung fortzuspülen ... Sassi wringt den Lappen aus.

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